
Ich bin in letzter Zeit mehrmals auf eine interessante Diskussion gestoßen, die etwas ausdrückt worüber ich schon länger nachdenke. Einmal in einem Vortrag von Brian McLaren (hab den Link leider nicht mehr) und dann in einem Vortrag von Siegfried Zimmer (
hier der Link).
Siegfried Zimmer drückt es ganz passend aus, als den Unterschied von Schöpfungs- und Rettungsspiritualität. Ich habe diesen Unterschied auch schon vorher wahrgenommen und dafür Begriffe wie Emerging und Vintage verwendet (Ich weiß, Anglizismen - bin halt ein Kind meiner Zeit). Es geht um zwei verschiedene Arten Gott zu verstehen, die im besten Fall als zwei Seiten derselben Medaille gesehen werden. Im schlimmsten (und geläufigeren) Fall werden die beiden als Kontrapositionen betrachtet und gegeneinander ausgespielt.
Was ist gemeint? Die Schöpfungsspiritualität geht von der Schöpfung aus (surprise!). Gott ist der Schöpfer aller Menschen und deshalb sind wir alle Geschwister und haben einen gemeinsamen Nenner. Die Rettungsspiritualität dagegen geht von der Rettung aus, Gott ist Retter der (gefallenen) Menschen und macht alle die zu Geschwistern, die sich von ihm retten lassen. Die Schöpfungss. ist offener, sie geht davon aus das alle Menschen erst einmal gut und sogar göttlich sind. Die ganze Schöpfung hat ihren Ursprung in Gott und ist deshalb geistlich. Schöpfungsspirituelle Menschen fühlen sich Gott besonders in der Natur nah (z. B. bei einem Sonnenuntergang) oder auch unter anderen Menschen (In denen sie das Ebenbild Gottes sehen) oder auch in Kunst und Kultur (Der Mensch ist kreativ/schöpferisch (Das hat er von seinem Schöpfer)).
Bei Rettungsspirituellen Menschen ist das anders. Sie betonen den Sündenfall, der den Mensch von Gott trennte. Der Mensch ist gefallen und sündig,das sehen sie in dem vielen Bösen auf der Welt (Krieg, Gewalt usw.) und in sich selbst (Neid, Missgunst, Zorn,...). Gott muss den Menschen aus diesem Zustand retten, sonst ist er verloren. Diese Einstellung ist abgrenzend, zunächst von Gott (der mit Sünde nichts gemein hat). Wenn man gerettet ist, ist man von der Sünde getrennt, aber auch von nicht geretteten Menschen, die für die Rettungsspiritualität meist wenig bis kein Verständnis haben. Deshalb sind solche Menschen leider oft exklusiv und ausgrenzend. Sie fühlen sich Gott besonders nah, wenn sie die Sündenvergebung spüren. Viele haben ein dramatisches Bekehrungs/Rettungserlebnis. Der Fokus liegt auf Sünde, denn es gilt sie los zu werden. Kultur ist oft unwichtig bis schlecht, da sie ja von gefallenen Menschen geprägt ist. Sexualität ist oft ein Problem, sie gehört auch zur gefallenen Natur des Menschen. Oft haben solche Menschen ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Körper. Und so kämpfen sie gegen böse Begierden an und verurteilen leider oft andere Menschen, die ihrer Vorstellung von Sexualität nicht entsprechen.
Für Schöpfungss. Menschen dagegen ist Sexualität kein Problem, im Gegenteil, sie ist als Geschenk des Schöpfers gut und geistlich, so wie auch Gefühle im Allgemeinen. Überhaupt sind diesen Menschen wenig Schranken gesetzt, ausser wenn die eigene Freiheit die eines anderen einschränkt. Das soziale und gesellschaftliche Interesse ist groß, geht es doch darum die von Gott gegebene Schöpfung verantwortungsbewusst zu gestalten. Es geht darum, das die Menschen zu sich finden, zu dem wozu sie geschaffen sind.
Von der Rettungss. aus gesehen ist die Gesellschaft nicht so wichtig, es geht um die Ewigkeit. Für sie werden im irdischen Leben die Weichen gestellt. Der Mensche soll auch nicht zu sich selbst finden, er ist ja schlecht und soll sich verändern.
Diese zwei krassen Pole werden in der Bibel ganz schmerzlos miteinander verbunden. Die Authoren hatten kein Problem damit Gott sowohl als Schöpfer wie auch als Retter zu verstehen, im Gegensatz zu sehr vielen Gläubigen heute. Viele fallen in Extreme, wie schon teilweise beschrieben. Da gibt es die Fundamentalisten, die alles und jeden Verdammen. Und es gibt die Liberalen die so offen sind, dass sie überhaupt keine Meinung mehr haben.
Übrigens ist es für mich als Christ interessant zu beobachten, dass genaus die oben beschriebenen Arten von Spiritualität, in der selben Form, auch im Judentum und im Islam vorkommen (Vielleicht gibt es da noch weitere Religionen, aber davon habe ich keine Ahnung).
Jetzt geht es aber erst einmal darum, diese beiden Aspekte meines Glaubens in meinem Leben zu verbinden. Wie immer ist es nicht einfach, aber echt spannend und herausvordernd.
Großartig,
Ben